2.12.2013, Wiesbadener Kurier
„Biennale für Moderne Musik“in Rhein-Main

Bernd Alois Zimmermann nannte es „Kugelgestalt der Zeit“:
Demnach sei in einem komprimierten Raum alles vorhanden,
Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. „Musik und Zeit“: Was auf
den Blick nach einem denkbar weiten Festival-Motto aussah,
gewann als Titel der zweiten „Biennale für Moderne Musik“ in
Frankfurt und Darmstadt mit Blick auf Zimmermann Kontur.
Vier Tage lang stand der Komponist, der 1918 bei Köln geboren
wurde und sich 1970 das Leben nahm, im Mittelpunkt.
„cresc.“: Der Titel dieser Biennale, die der Hessische Rundfunk
und das Ensemble Modern gemeinsam veranstalteten, erinnert
an das Lauterwerden in der Musik („Crescendo“). Wer das
wörtlich nahm, lag in diesem Jahr nicht einmal falsch: Zum
Abschluss der vier dichten Festival-Tage erklang im Großen Saal
der Alten Oper nämlich Zimmermanns gewaltiges, 1969
vollendetes „Requiem für einen jungen Dichter“. [...]
Wie gut, dass im Großen Saal der Alten Oper so viel Kompetenz
zusammenkam: Von der Podiumsempore wie auf den Rängen
sorgten der WDR-Rundfunkchor Köln, der Tschechische
Philharmonische Chor Brünn und die Herren der
„EuropaChorAkademie“ für einen tief einschneidenden
akustischen Raumeindruck. Ähnlich verhielt es sich mit den
reihum gestellten Lautsprechern, die Zimmermanns gewaltige
Montage gegenwärtig werden ließen: Beethovens Neunte, die
„Sportpalast“-Rede von Joseph Goebbels, Richard Wagners
„Liebestod“ der Isolde oder Musik der Beatles. Der Kosmos aus
Kunst, Geschichte, Politik, eben in der „Kugelgestalt der Zeit“,
erschüttert noch heute.

Großer Publikumszuspruch
Wer das Leisere bevorzugte, hatte unmittelbar zuvor sein
Zimmermann-Bild mit Jugendliedern in spätestromantischer
Prägung erweitern können: Sopranistin Christiane Oelze und
Pianist Eric Schneider setzten sich im Mozart-Saal der Alten
Oper mit ihnen auseinander. Sechs Stunden lang war tags zuvor
Musik von Zimmermann und anderen Komponisten in einem
Moderne-Musik-Marathon im Staatstheater Darmstadt erklungen.
Der Publikumszuspruch war groß: Festivals erhöhen offenbar
das Interesse an Musik der Moderne.
von Axel Zibulski

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25.11.2013, Darmstädter ECHO
Einen spannenden Abend im Staatstheater Darmstadt bot die Biennale „Cresc...“ am Samstag

Anregung zum Nachdenken über das Thema „Zeit“ verband sich mit der sinnlichen Erfahrung von Musik, die die Gegenwart in Abhängigkeit von der Vergangenheit zeigt.
Mit einem langen Abend hat die Biennale „Cresc...“ für Moderne Musik zum ersten Mal in Darmstadt Station gemacht. Sinnvoll ist dies, denn der Kölner Bernd Alois Zimmermann (1918– 1970), dem das Festival gewidmet war, pflegte enge Beziehungen zu den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Seit Ende der Vierziger war er bis 1956 jedes Jahr zu Gast in Darmstadt. Viele seiner Werke wurden hier aufgeführt [...].

In der Kugel wird alles gleichzeitig
Insgesamt stand das Festival in diesem Jahr unter dem Motto „Musik und Zeit“. Für den Abend im Darmstädter Staatstheater wurde der Begriff der „Zeit“ vielfach umspielt. „Zeitlos“, „Présence“, „Short Cuts“, „Zeitgenossen“ und „Unlimited“ lauteten die Überschriften zu den Aufführungen.
Zeit war ein zentraler Begriff im Musikdenken Zimmermanns, der die Vorstellung der Zeit als einer Kugel hatte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden bei Zimmermann zur Gleichzeitigkeit zusammen. Unabhängig von den sprachlich umständlichen und inhaltlich nicht ganz einfachen Erläuterungen des Komponisten [...] regten die verschiedenen Darbietungen im Staatstheater auf jeden Fall an, über das Phänomen „Zeit“ nachzudenken.
So suggerierte der Titel „Zeitlos“ über dem einleitenden Konzert des HR-Sinfonieorchesters, dass die gespielten Stücke die Zeit überdauern, zu Klassikern geworden sind. Für Olivier Messiaens „L’Ascension“, das das Orchester mit sattem, manchmal süßlichen Streicherklang und gewaltigem und hochgradig präzisem Bläsersatz spielte, mag dies unbestritten zutreffen.

Viel zum Überleben des Trompetenkonzerts „Nobody knows de trouble I see“ von Zimmermann hat mit gutem Grund der Solist Reinhold Friedrich getan, der am Samstag in wundervoller Abstimmung mit dem Orchester der Klage des traditionellen Spirituals mit seiner Trompete eine anrührende Fürsprache verlieh. Gerade dieses Werk mit seinen dramatischen Steigerungen diente anschaulich dem Titel des Festivals „Cresc...“, das die Abkürzung von „Crescendo“ (wachsend, lauter werden) ist. [...]

Im „Ballet blanc“ mit dem Titel „Présence“ schreibt Zimmermann den Instrumenten eines Klaviertrios drei literarische Gestalten zu: „Roi Ubu“ aus Alfred Jarrys gleichnamigem Theaterstück, „Molly Bloom“ aus James Joyces „Ulysses“ und „Don Quichote“ von Cervantes gehen in der gemeinsamen Inszenierung von vier Choreografen ein nicht definierbares Miteinander ein [...].

Ein Höhepunkt des Abends war im Rahmen der „Short Cuts“ die Aufführung der Violin-Solosonate durch die Geigerin Andrea Kim aus dem HR-Sinfonieorchester. Für ihre hochemotionale Darbietung erhielt sie viele Bravo-Rufe.

Zum zweiten großen Konzert unter dem Titel „Zeitgenossen“ mit Werken von zeitgenössischen Komponisten hatten sich die Zuschauerreihen schon ein wenig gelichtet, waren aber zu der späten Stunde immer noch gut besetzt. Für den erkrankten Franck Ollu war als Dirigent des Ensemble Modern kurzfristig der US-Amerikaner Brad Lubman eingesprungen, der schon das Eröffnungskonzert am Donnerstag im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt mit hoher Musikalität geleitet hatte. Eindrucksvoll gestaltete sich die Wiedergabe von Mark Andres Werk „üg“, das akustische Eindrücke eines Istanbul-Besuchs verarbeitet.
Viel zu erleben und zu verarbeiten hatte, wer sich auf das Gesamtpaket des Abends eingelassen hatte.
Susanne Döhring

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24.11.2013, neue Musikzeitung
Kugelgestaltiges, Rauschhaftes, Ekstatisches: cresc – Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main

[...] Ein kleines Festival im Großen war der Samstagabend im Darmstädter Staatstheater. Von 18 bis 24 Uhr konnte der Besucher von Sinfoniekonzert zu Solodarbietungen, von der Ballettperformance zu Interaktionen zwischen Jazz und Neuer Musik wandeln. Der zeitliche Rahmen spannte sich von Zimmermanns frühen Werken aus den 1950er-Jahren bis zu Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten. 60 Jahre wurden durchschritten, in denen musikalisch so Einiges passierte.

Den Auftakt machte das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens mit der „Sinfonie in einem Satz“ von 1953. Das voll besetzte Orchester füllte den ganzen Bühnenraum des Großen Hauses aus, dementsprechend wuchtig, ja manchmal fast brachial erklang das Werk. Aus chaotischem Streichergeflirre und gedämpften Bläserakkorden entwickelt sich erst nach und nach thematisches Material, das immer wieder zerpflückt oder von dynamischen Explosionen übertönt wird. Lange, expressive Melodiebögen sind hier (noch) zu hören, Zimmermann erlaubt sich Pathos. Hat sich der Komponist hier mit der Form der Sinfonie auseinandergesetzt, so tat er dies im zweiten Stück des Abends mit dem Jazz. Die Sinfonie schlug er noch mit ihren eigenen Waffen, in „Nobody knows de trouble I see“ für Trompete und Orchester aber verschmelzen die Form des Choralvorspiels mit dem pentatonische Negrospiritual und dem konzertierenden Jazz. Den Musikern, allen voran dem grandiosen Reinhold Friedrich an der Trompete, wird da viel abverlangt: Die Nonchalance des Jazz verbindet sich mit rhythmisch präzis gestochenen Zwiegesprächen der Instrumente, von der Virtuosität Friedrichs ganz zu schweigen. Messiaens sinfonische Meditationen aus „L’Ascension“ von 1932/1933 waren dazu ein beruhigender Kontrast. Himmlische Ruhe und Klangfarbenpracht bot das hr-Sinfonieorchester. [...]

„Présence“, der Titel von Zimmermanns Ballettmusik „erscheint als jene Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet“. In ihr stehen musikalische Zitate nicht nur für die auftretenden Personen, Don Quichotte, Molly Bloom und Ubu-Roi, sondern auch für verschiedene Zeiten. Drei Tänzer und ein „Speaker“ sind vorgesehen, außerdem ein Klaviertrio für die Musik. Die Darmstädter Aufführung zeigte eine Choreografie von Florian Ackermann, Norbert Pape, Friederike Thielmann und Kristina Veit. Das Team ließ sich weder von Zimmermanns spärlichen szenischen Angaben noch von John Crankos „Referenzchoreografie“ einschränken, sondern entwickelte eine eigene Lesart: Im Mittelpunkt standen die Wortembleme, die Zimmermann der Partitur hinzugefügt hatte. Mit großen Stecktafeln generierten die Tänzer Satzfetzen wie „sarg der umkehrenden träume“. Hier wurde der Fantasie des Hörers Raum gelassen, auch von der Musik. Im zartesten Pianissimo musizierten Rafał Zambrzycki-Payne, Michael M. Kasper und Hermann Kretzschmar. Selbst in tänzerisch-leichten oder schwelgerischen Momenten entstand eine Atmosphäre höchster Konzentration, die die Tänzer durch wenige, aber ausdrucksstarke Bewegungen unterstützten.

Die Short Cuts widmeten sich drei Instrumenten und ihren ganz eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Konzentriert und quasi zur Essenz verdichtet zeigt Zimmermann das Eigentümliche der Violine, der Viola und dreier Vertreter der Flötenfamilie. In der „Sonate für Violine solo“ (1951) besinnt sich Zimmermann auf die Beziehung von Ton zu Ton. Flirrende Figurationen zeigen, wie sich ein Nacheinander der Töne zu Gesamtklängen kumuliert, Doppelgriffe und Doppeltriller beleuchten die Faszination eines Intervalls. Atemberaubend virtuos interpretierte Andrea Kim das Werk, unverschämt leicht klang das und dennoch wohl durchdacht. Thaddeus Watson stellte dagegen gleich drei Instrumente vor: In den 13 Miniaturen des „Tempus loquendi“ zeigte er, was man mit Bass-, Alt- und großer Flöte alles anstellen kann. Fassungslos ob der Vielseitigkeit applaudierte das Publikum. Mit der „Sonate für Viola solo“ und Megumi Kasakawa kam etwas Ruhe, wenngleich nicht weniger Virtuosität zu Gehör. [...]

In „üg“ setzte Mark Andre der Stadt Istanbul ein klingendes Denkmal. Man fühlte sich als Zuschauer in einen Kinosaal versetzt; auf der Bühne flüsterte, knarzte und schabte das Ensemble Modern, um einen herum wisperten Stimmen aus den Lautsprechern. Oder war das doch der Nachbar? Hanspeter Kyburz‘ Komposition dagegen klang wie Musik aus den Cafés der Piazza San Marco im zeitgenössischen Gewand. Tänzerisches, auch Rauschhaftes unterbricht meditative Tonrepetitionen, die kontrollierte Ekstase erforderte eine hohe Konzentration der fünf Musiker und des Dirigenten Brad Lubman. In der Uraufführung von Markus Hechtles „Wortlose Rückkehr“ scheinen die Sonaten von Zimmermann noch einmal in neuem Gewand zu ertönen: Kurze Miniaturen bieten einzelnen Instrumenten den großen Auftritt, immer leise konterkariert durch weitere Musiker. Den wirklich krönenden Abschluss boten Nina Janßen-Deinzer und Mitglieder der hr-Bigband sowie des Ensemble Modern mit Leonard Bernsteins „Prelude, Fugue and Riffs“. Hiermit wurde zum Einen der Bogen zurück zu Zimmermanns jazzigem Trompetenkonzert geschlagen, aber auch eine klingende Einladung zum „Unlimited“-Teil des Abend ausgesprochen, bei dem Musiker des Ensemble Modern und der hr-Bigband gemeinsam musizierten.
von Jelena Rothermel

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24.11.2013, Rhein-Main-Zeitung
Ubu, Übü, Übürall

Zweites Festival "cresc." eröffnet in Frankfurt
[...] Im Zentrum des diesjährigen Festivals steht das Werk von Bernd Alois Zimmermann, der als Komponist das Ästhetische mit philosophischer Reflexion und einem politischen Standpunkt zuverbinden wusste. Zimmermanns zu Beginn interpretierte "Musique pour les soupers du Roi Ubu" mit ihrem Zitatenschatz aus der abendländischen Musikgeschichte war auserkoren, dies zu veranschaulichen.
Drei Uraufführungen standen hernach noch auf dem Programm. "La bianca notte" von Beat Furrer erwies sich dabei als die ästhetisch raffinierteste Neuschöpfung. Faszinierend gelang [...] das Spiel mit dem Wortklang, seiner Färbung durch die Sopranistin Tony Arnold und den Bariton Holger Falk, die kaleidoskopische Brechung der wellenartig durch die Reihen des Ensemble Modern pulsierenden Echos.
Sechzehn Bläser des Ensembles interpretierten dann die erweiterte Fassung von "Fiktive Tänze - Zweiter Band" von Arnulf Herrmann. Zimmermanns Vorlage durch den Begriff des Tanzes verbunden, erwies sich die Beschränkung auf einfache Bewegungsmodelle zugleich als stilistischer Gegensatz. Elemente einer Performance enthielt "Übürall" von Vito Zuraj. In dieser Folge musikalischer Possen durfte sich die Sopranistin Helene Fauchère in der Rolle der Madame Übü so richtig gehenlassen, den Pianisten quälen und Dirigent Brad Lubman heftig bedrängen. Die anderen Ensemblemitglieder waren akkurat im Saal verteilt und somit dem Zugriff der singenden Furie entzogen. Das zahlte sich aus in Gestalt knackiger Raumwirkungen und einer erfreulichen Präzision. [...] Die Interpretation von Zimmermanns "Ubu" lag in Frankfurt in guten Händen [...].
von Benedikt Stegemann

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201321.–24. November 

© cresc biennale 2013